„Kolo Slavuj? Die kommen dann zur Generalprobe.“ Ich erinnere mich noch ganz genau an diese Generalprobe – so, als ob es gestern gewesen wäre, dabei trennen mich beinahe 20 Jahre von dieser Erinnerung… Meine Freundin Angelika Messner und ich stehen in Oberwart in der Messehalle und besprechen den Ablauf der Generalprobe ihres Stückes Coming Home. Dieses Pannonische Musical, das sie zusammen mit Christian Kolonovits geschrieben hat, der als Musikalischer Leiter gerade noch ein paar Takte mit dem Orchester wiederholt, steht knapp vor der Uraufführung. Alle sind gespannt, um nicht zu sagen angespannt. Die Proben der vergangenen Wochen liefen gut. Alle Mitwirkenden waren immer anwesend und arbeiteten mit voller Konzentration: Willi Resetarits, Eva Maria Marold, Dave Moskin, das Savaria Symphonieorchester, die Hans Samer Band, Rusza Lakatos, die Geschwister Paul, die Tamburizza Top Güttenbach, einfach alle und langsam wurde aus den Szenen ein wunderbarer Musicalabend. Es begannen die Durchläufe, also Proben des ganzen Stückes im Ablauf. Solche Proben sind besonders wichtig und besonders heikel, denn da fügen sich – im besten Fall - die Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammen. Alles lief wie am Schnürchen, nur jedesmal, wenn wir uns der Stelle näherten, wo Kolo Salvuj auftreten sollte, gab es eine Lücke, dann wurde kurz unterbrochen, jemand rief: „Und jetzt kommt, Hati mit Kolo Slavuj.“ Aber gekommen sind sie nicht. Hati wurde in jeder Probe übersprungen und für mich langsam aber sicher zum Mysterium, verknüpft mit aufkommender Neugierde, was denn bei Hati passieren würde, wenn Kolo Slavuj, von denen ich auch keine Vorstellung hatte, endlich kommen würden. Aber Kolo Slavuj waren nicht da. Sie waren nie da und langsam fragte ich mich, wie lange das noch so weiter gehen sollte. Und so kam es eines Tages zu folgendem Dialog zwischen mir und Angelika Messner: Ich: „Wo sind Kolo Slavuj?“ Angelika Messner: „Die sind heute noch nicht da.“ Ich: „Wie bitte? Schon wieder nicht? Wollen die nicht proben? Wie soll denn das gehen? Wann gedenken sie denn zu kommen? Zur Premiere oder zur Feier danach?“ Angelika Messner: „Mach dir keine Sorgen, die Kolo Slavuj, die können ihren Part. Die kommen zur Generalprobe.“ Ich war aufgeregt. Das konnte doch nicht sein! Alle proben wochenlang, nur Kolo Slavuj kommen zur Generalprobe!? „Na, das kann ja was werden“, dachte ich mir. Und irgendwann war er da, der Tag, an dem Kolo Slavuj zur Probe kamen, es war die Probe vor der Generalprobe, die 2. Hauptprobe… Angelika und ich stehen hinter der Bühne und besprechen den Ablauf, während vorne noch an den letzten Takten musikalisch gefeilt wird. Wir gehen jede Szene durch: „Hier brauchen wir mehr Tempo, da müssen alle rasch wieder runter von der Bühne, damit Willi von rechts alleine auftreten kann.“ – „Dort sollten wir noch das Licht ein bisschen mehr auf Eva fokussieren“ - Irgendwann kommen wir dann zu jener Stelle, wo Kolo Salvuj auftreten sollten. Ich sage mit einem Grinsen und leicht süffisantem Unterton: „Und jetzt kommt Hati mit Kolo Slavuj, sollen wir das überspringen?“ Aber heute ist der Tag der Tage. Kolo Slavuj haben sich angekündigt und kommen tatsächlich zur Probe. Ich bin gespannt und merke, wie ich mich innerlich auf eine „Katastrophe“ einstelle. Meine Theatererfahrung sagt mir: Das kann nicht gutgehen. Und dann kommen sie tatsächlich auf die Bühne und singen und tanzen ganz wunderbar. Da gibt es nichts auszusetzen. Ich, die sonst in jeder Szene irgendetwas entdeckte, das verbesserungswürdig war, war bereits durch Hati in Alltagskleidung gebannt. Der darauffolgende Tag bringt die Generalprobe: Kolo Slavuj treten in Tracht auf. Ich sitze im Zuschauerraum und bin vom ersten Augenblick an gefesselt. Perfekter Auftritt, tolle Choreographie, wunderschöne Trachten, kunstvolle Frisuren, diese Freude in den Gesichtern – wow!! Ich bin fasziniert, hingerissen, begeistert! Es ist nicht nur höchst professionell (ich kann kaum glauben, dass alle Mitwirkenden eigentlich andere Berufe haben), das ist geballte Kraft und Lebensfreude, die von der Bühne strömt und uns alle mitreißt. Mit Hati war in jeder Vorstellung das erste Eis gebrochen und für mich wurde diese Szene zum Gradmesser der Begeisterung des Publikums für das ganze Stück. Als Kolo Slavuj bei der Generalprobe die Bühne verlassen, habe ich wieder etwas gelernt: Manchmal sind ein, zwei Proben wirklich genug, es können tatsächlich die Haupt- und Generalprobe sein. Aber dahinter steckt natürlich viel mehr und dieses „viel mehr“, das hinter Kolo Slavuj steckt, durfte ich in den nächsten Jahren aus vielen verschiedenen Blickwinkeln kennenlernen. Zunächst waren da aber zwei Jahre mit der wunderbaren Produktion von Coming Home, die ich als Abendspielleiterin begleitete. Herrlich waren die Momente vor der Vorstellung. Ich stand zwischen Kolo Slavuj beim Einsingen und ließ mich von den mir bald immer vertrauter werdenden burgenlandkroatischen Liedern in eine andere Welt tragen. Wenn Kolo Slavuj dann die Bühne betraten, versuchte ich jedesmal, ihnen vom Zuschauerraum aus zuzusehen und nur ja nichts zu versäumen. Neben Hati gab es da noch den Frauentanz. Diese beiden Szenen waren sehr verschieden und doch sprachen sie gleichermaßen zu mir. Es waren zwei Seiten einer Medaille, die untrennbar zusammengehörten, das war mir sofort bewusst. Aber natürlich begann ich auch darüber nachzudenken, wie es Kolo Slavuj gelingt, Tradition und Innovation nicht als etwas Gegensätzliches zu verstehen. Für mich öffnete sich damals eine unbekannte, faszinierende Welt, die mich nie wieder loslassen sollte. Vor meiner Begegnung mit Kolo Slavuj wusste ich von Burgenlandkroat*innen eigentlich nur, dass sie eine durch den Staatsvertrag geschützte Minderheit sind und im Burgenland leben (so dachte ich zumindest, bevor ich gemerkt habe, dass sich das Centar in der Schwindgasse im 4. Wiener Gemeindebezirk befindet). In Oberwart wurde so manches Mal (nein: eigentlich immer) nach der Vorstellung ausgelassen gefeiert. Dann wurde gesungen und Kolo getanzt. Ich durfte – natürlich – mittanzen. Natürlich, denn Kolo Slavuj sind auf ganz besondere Weise offen und gastfreundlich und diese Offenheit hat es mir ermöglicht, in ihre Welt einzutreten und in gewisser Weise Teil davon zu werden. Ich könnte mir heute ein „burgenlandkroatischloses“ Leben, ein Leben ohne Kolo Slavuj, nicht mehr vorstellen. Aber vielleicht bin gar nicht ich eingetreten, vielleicht wurde ich einfach mitgenommen, aufgenommen und eingeladen mit dabei zu sein. Ganz sicher ist, ich wurde oft eingeladen zu Kolo Slavuj und ich habe so manchen unvergesslichen Abend im Centar verbracht. Ich erinnere mich an CD-Präsentationen und Konzerte, an Musikproben, viele offene Tanzabende, die unglaublich Spaß gemacht haben (und zu denen ich nur das erste Mal mit Stöckelschuhen gekommen bin), an Gulaschsuppe und live Musik ab 4h früh nach dem Ball, an viele Gespräche, denn ich bin manchmal auch nur einfach so vorbei gekommen… Durch all die Jahre habe ich viele emotionale Augenblicke erlebt und immer wieder neue Facetten von Kolo Slavuj und ihrem Zugang zu ihrer Kultur erfahren. Wenn ich die Türe zur Schwindgasse, in der das Centar liegt, öffne und die Stiegen hinabsteige, betrete ich eine Welt, die nichts Museales an sich hat, sondern sich beständig verändert. Im Grunde bin ich auch nach fast 20 Jahren jedesmal wieder überrascht. Das ist wieder ein Aspekt, der mich im Laufe der Zeit stets beschäftigt und innerlich bewegt. Besonders eindrucksvoll waren die großen Aufführungen von Kolo Slavuj, die ich in Veliko Varastof, im Odeon oder in der Elisabethkirche in Wien gesehen habe und mit besonderer Bewunderung habe ich die beiden Corona-Bälle zuhause vor dem Fernseher verbracht (im ersten Jahr vor dem Handy). Die Professionalität dieser Abende, die ausgefeilte Dramaturgie, die Präzision, mit der gearbeitet wurde, die beide Male herausragende Moderation, die phantastischen Szenen, die vor Spielfreude und Musikalität nur so strotzten, all das hat mich begeistert und ich musste innerlich lächeln, als mir der Gedanke kam, ob sie diesmal vielleicht doch nicht nur generalgeprobt hatten… Besonders nah geht mir immer wieder das Strahlen in den Gesichtern der Mitwirkenden, die Hingabe und Erfülltheit, mit der die Mitglieder von Kolo Slavuj ihre Kultur lebendig halten und anderen nahebringen. Ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, wie jede*r Einzelne oft die gesamte Freizeit investiert zum Proben und Üben, Üben und Proben… Diese Leidenschaft spürt man und sie ist ansteckend! Als ich dann begann bei Ö1 zu arbeiten, wollte ich meine Begeisterung für Kolo Slavuj auch mit den Radiohörer*innen teilen und so entstanden einige, teils sogar mehrstündige, Radiosendungen und immer wieder nehme ich CDs zur Hand und wähle das eine oder andere Musikstück mit Kolo Slavuj fürs Pasticcio aus. Das Besondere ist für mich aber, dass ich lange vor meiner Radiokarriere eine innige Beziehung zu Kolo Slavuj aufgebaut habe und bis heute die menschliche Verbindung stets im Vordergrund steht. Ich weiß noch, dass es für mich ein sehr berührender Moment war, als ich 2006 von Kolo Slavuj eingeladen wurde, anlässlich der Ausstellung von Marko Suszichs Trachten-Fotographien die Eröffnungsrede zu halten. Ich habe mich darauf so intensiv vorbereitet, wie auf einen Vortrag im Rahmen der Salzburger Festspiele. Mittlerweile haben viele Begegnungen meine innere Bindung gefestigt. Als ich 2022 die Leitung des Festivals Imago Dei in Krems übernahm, war sofort klar, Kolo Slavuj müssen bei der Eröffnung eine tragende Rolle spielen. Ich war sehr glücklich und dankbar, dass die Damen von Kolo Slavuj das Musikprojekt „Music across the borders“ mitgestalteten und trotz aller Corona-bedingten Hürden nie verzagten. Und so hat mit einer burgenlandkroatischen Melodie meine erste Saison als Festivalintendantin begonnen. Das Band zwischen uns wurde noch fester. Mir sind Kolo Slavuj und die burgenlandkroatische Kultur mittlerweile so nahe, dass ich sie auch als meine empfinde. Ich summe die Lieder mit, ich tanze ein bisschen Kolo, ich spreche wenige, aber wichtige Worte auf Hrvatski, wie zum Beispiel Ziveli! (Man muss sich einfach manchmal aufs Wesentliche konzentrieren!) und ich habe mir fix vorgenommen - spätestens in der Pension - den Verein der Freund*innen der Burgenlandkroat*innen zu gründen. Denn wir sind wirkliche Freund*innen geworden. P.S.: Manchmal denke ich an John F. Kennedy, der vor dem Brandenburgertor ausrief: Ick bin ein Berliner. Ungefähr mit dem gleichen Akzent höre ich mich vor der Centartüre sagen: Ja sam gradiscanka hrvatica.