Apak weigert sich, den Schleier anzulegen, wenn fremde Männer hereinkommen. Und sie betätigt sich als Muezzin, leitet also die Gebete der anderen Frauen im Harem: ein Affront gegen das patriarchale System zur Zeit des persischen Dichters Nizami (1141-1209).

Der iranische Komponist Nader Mashayekhi hat diese Auseinandersetzung der Geschlechter zur Oper „Neda – Der Ruf“ (Libretto: Nadja Kayali und Angelika Messner) verarbeitet. Poet Nizami wird darin zur Hauptfigur Nesami. Dafür gab es bei der Uraufführung im Osnabrücker Theater am Domhof viel Applaus.

Und zu Recht. Mashayekhis Musik lässt sich von den Mikro-Intervallen einer persischen Flöte leiten und findet eine Sprache, die zwischen zeitgenössischen Tonexperimenten und spätromantischer Klangdichte hin und her pendelt.

Guter Maestro

Gastdirigent Daniel Inbal führt das Osnabrücker Symphonieorchester mal behutsam, mal leidenschaftlich rauschend durch die Partitur. Auf diesem Fundament glänzen die Sänger. Allen voran Anja Meyer als aufbegehrende Apak. Mit dem Selbstbewusstsein einer Revoluzzerin legt sie ihre Rolle unwiderstehlich an. Genauso wie Marco Vassalli als Nesami, der der Frau die Freiheit bietet, sie aber nicht vor dem Tod retten kann.

In der Handlung überlagern sich die Realitäten. Anfangs zeigt die von Martin Fischer stilsicher und funktional gestaltete Drehbühne noch den Himmel mit über den Boden wabernden Nebelschwaden als Traum des Dichters Nesami.

Himmlische Jungfrauen

Hier warten die jungfräulichen Huri auf die heldenhaft verstorbenen Männer. Nushabe (Eva Schneidereit) stellt allerdings diese Rolle der Frauen in Frage. Als der Fürst dem Schriftsteller dann die wilde Apak schenkt, wird das Aufbegehren Wirklichkeit.

Sklavin in der Barbie-Schachtel

In einer übergroßen Barbie-Puppen-Schachtel mit Schleife wird sie angeliefert: Frau als Ware. Nesami ist von der Freiheitsliebe der Sklavin hingerissen. Doch die Gelehrten wollen die drohende Revolte im Keim ersticken. Nesamis Freund (Mark Hamman) vergiftet sie schließlich.

Regisseurin Carin Marquardt lässt dies alles sehr unaufgeregt geschehen, verzichtet auf überflüssigen Aktionismus. Stattdessen transportiert sie die Geschichte in eine moderne Zeit und stellt damit die wichtige Frage: Wie viel Mittelalter steckt noch heute im Frauenbild des Islam?

Damit ist dem Theater Osnabrück eine musikalisch wie inhaltlich anregende Auseinandersetzung mit den patriarchalen Kulturen gelungen.